Der Berg, der den Himmel hält
Wenn die chinesische Mythologie eine Hauptstadt hätte, dann wäre es der Kunlun Berg (昆仑山 Kūnlún Shān). Dies ist nicht nur ein Berg — er ist die Achse mundi, der kosmische Pfeiler, der Himmel und Erde verbindet, das Zuhause der Götter und die Quelle der Unsterblichkeit. Jede wichtige Tradition in der chinesischen Mythologie — das Shanhaijing (山海经 Shānhǎi Jīng), der Daoismus, die Volksreligion, der kaiserliche Kult — konvergiert bei Kunlun als dem Zentrum des Kosmos.
Man könnte es als den Olymp der chinesischen Mythologie betrachten, nur ist Kunlun ausgefeilter, gefährlicher und erheblich schwerer zu erreichen.
Die Beschreibung im Shanhaijing
Das Shanhaijing widmet mehrere Passagen dem Kunlun, und seine Beschreibungen sind sogar nach den Standards des Textes extravagant. Der Berg erhebt sich 11.000 li (ungefähr 5.500 Kilometer) in den Himmel. Er hat neun Tore, jedes bewacht von dem Kaiming Tier (开明兽 Kāimíng Shòu), einem Wesen mit neun Köpfen und dem Körper eines Tigers. Unter den Toren umkreist der Ruo Fluss (弱水 Ruòshuǐ) den Berg — ein Fluss, der so unsubstanziell ist, dass selbst eine Feder nicht auf seiner Oberfläche treiben kann, was es unmöglich macht, ihn mit einem Boot zu überqueren. Vergleiche mit Wire-Fu: Die Kunst der fliegenden Schwertkämpfer im Action-Kino.
Jenseits des Flusses liegt ein Feuerring. Jenseits des Feuers liegt der Berg selbst, der sich durch mehrere Terrassen erhebt, von denen jede prächtiger ist als die letzte. Die unteren Ebenen enthalten Gärten außergewöhnlicher Pflanzen — Bäume, die Jade (玉 yù) tragen, Gräser, die jede Krankheit heilen, Kräuter, die Unsterblichkeit gewähren. Die oberen Ebenen enthalten die Paläste der Götter.
Diese geschichtete Verteidigungsstruktur ist nicht zufällig. Kunlun ist so gestaltet — durch den Text, durch die Mythologie, durch die kosmische Ordnung selbst — dass er für jeden, der sich das Recht auf den Aufstieg nicht verdient hat, unzugänglich ist.
Das Reich der Königin Mutter
Die berühmteste Bewohnerin des Kunlun ist die Königin Mutter des Westens (西王母 Xīwángmǔ), die von ihrem Jadepalast (玉楼 Yùlóu) an der westlichen Seite des Berges herrscht. Ihr Garten enthält die Pfirsiche der Unsterblichkeit (蟠桃 pántáo), die einmal alle dreitausend Jahre reifen und denen, die sie konsumieren, ewiges Leben verleihen.
Die Beziehung der Königin Mutter zu Kunlun ist komplex. In den frühesten Passagen des Shanhaijing wird sie als furchterregende Gestalt beschrieben — mit wildem Haar, mit Tigerzähnen, lebend auf einem abgelegenen Gipfel. Zur Han-Dynastie hatte sie sich in eine gelassene Göttin höchsten Ranges verwandelt, die über ein Paradies von unvorstellbarer Schönheit herrscht. Der Berg verwandelte sich mit ihr, vom unerbittlichen Wildnis zu einem himmlischen Garten.
Diese parallele Evolution von Gottheit und Landschaft ist charakteristisch für die chinesische Mythologie. Orte und ihre göttlichen Bewohner sind nicht getrennt — sie definieren sich gegenseitig. Kunlun ist nicht heilig, weil die Königin Mutter zufällig dort lebt. Die Königin Mutter ist erhaben, weil sie den heiligsten Berg im Kosmos beherrscht.
Die kosmische Geographie
Kunlun befindet sich am Schnittpunkt mehrerer kosmischer Koordinatensysteme. In der Geographie des Shanhaijing nimmt er