Die Vier Meere und die Form der alten chinesischen Welt

Die alten Chinesen dachten nicht, sie lebten auf einer Kugel. Sie glaubten, sie lebten im Zentrum einer flachen, ungefähr quadratischen Welt, umgeben von vier Meeren, jenseits derer sich vier riesige Wildnisregionen befanden, gefüllt mit Monstern, seltsamen Völkern und Landschaften, die desto bizarrer wurden, je weiter man sich von der Zivilisation entfernte. Das Shanhai Jing (山海经 Shānhǎi Jīng) ist im Wesentlichen ein Reiseführer für diese Welt – und es zu lesen fühlt sich an, als würde man zusehen, wie sich die Karte eines Menschen an den Rändern in Halluzination auflöst.

Die Struktur: Zentrum und Peripherie

Das chinesische Weltbild, das im Shanhai Jing kodiert ist, folgt einer klaren räumlichen Logik:

| Zone | Chinesisch | Beschreibung | |-------|------------|--------------| | Zentrum | 中国 Zhōngguó | Das zivilisierte Kernland, das „Reich der Mitte“ | | Innere Regionen | 海内 hǎinèi | „Innerhalb der Meere“ — bekannt, kartiert, beherrschbar | | Vier Meere | 四海 sìhǎi | Ost-, West-, Süd-, Nordmeer – die Grenze | | Äußere Regionen | 海外 hǎiwài | „Jenseits der Meere“ – fremd, aber dokumentiert | | Große Wildnis | 大荒 dàhuāng | Das absolute Ende – Chaos, Monster, kosmische Landmarken |

Der Begriff Zhongguo (中国 Zhōngguó) – den China bis heute als Eigenbezeichnung nutzt – bedeutet wörtlich „Zentrales Reich“ oder „Mittelland“. Das ist nicht nur Geografie; es ist Kosmologie. China ist das Zentrum. Alles andere ist Peripherie. Je weiter vom Zentrum entfernt, desto weniger zivilisiert, desto monströser, desto mythischer werden die Dinge.

Die Vier Meere: Nicht das, was du denkst

Wenn das Shanhai Jing von den „vier Meeren“ (四海 sìhǎi) spricht, meint es nicht vier konkrete Ozeane. Das Konzept ist abstrakter – die Meere sind Grenzen, Schwellenzonen zwischen der bekannten Welt und dem Unbekannten. Praktisch heißt das:

- Ostmeer (东海 Dōnghǎi): Entspricht ungefähr dem tatsächlichen Ostchinesischen Meer, reicht aber weit ins mythologische Gebiet, wo Inseln von Unsterblichen schweben - Südmeer (南海 Nánhǎi): Die tropischen Gewässer im Süden, Heimat seltsamer Fische und unterirdischer Königreiche - Westmeer (西海 Xīhǎi): Ganz mythologisch – aus chinesischer Sicht gibt es keinen westlichen Ozean, daher ist dieses „Meer“ eine konzeptuelle Grenze - Nordmeer (北海 Běihǎi): Eine gefrorene, dunkle Weite am Rand der Welt

Das Zhuangzi (庄子 Zhuāngzǐ) eröffnet mit dem berühmtesten Abschnitt, der im Nordmeer spielt, wo der riesige Fisch Kun (鲲 Kūn) sich in den enormen Vogel Peng (鹏 Péng) verwandelt. Das Nordmeer ist in diesem Kontext kein reales Gewässer – es ist der Rand des Verstehens, der Ort, an dem die normalen Regeln brechen und Fische zu Vögeln werden.

Die Struktur des Shanhai Jing spiegelt die Welt wider

Das Shanhai Jing selbst ist nach diesem geografischen Modell organisiert. Seine achtzehn Kapitel gliedern sich wie folgt:

- Kapitel 1–5: Wuzang Shanjing (五藏山经 Wǔzàng Shānjīng) – „Klassiker der Berge in fünf Richtungen“ – die innere, bekannte Welt - Kapitel 6–9: Hainei Jing (海内经 Hǎinèi Jīng) – „Klassiker der Regionen innerhalb der Meere“ - Kapitel 10–13: Haiwai Jing (海外经 Hǎiwài Jīng) – „Klassiker der Regionen jenseits der Meere“ - Kapitel 14–17: Dahuang Jing (大荒经 Dàhuāng Jīng) – „Klassiker der Großen Wildnis“

(Die letzte Sektion scheint im Originaltext unvollständig zu sein.)

Über den Autor

Wuxia-Forscher \u2014 Forscher für chinesische Wuxia-Literatur und Kampfkunstkultur.

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