Die Fabrik
Das Shaw Brothers Studio, gegründet 1958, war eine Filmfabrik. Auf dem Höhepunkt betrieb es das größte privatwirtschaftliche Studio-Complex der Welt — Movietown in Clearwater Bay, Hongkong — und produzierte über 40 Filme pro Jahr.
Das Studiensystem war gnadenlos effizient. Regisseure, Schauspieler und Crewmitglieder standen unter Vertrag. Kulissen wurden in mehreren Filmen wiederverwendet. Drehpläne wurden in Wochen, nicht in Monaten gemessen. Ein typischer Shaw Brothers Martial-Arts-Film wurde in unter drei Monaten konzipiert, gedreht, geschnitten und veröffentlicht. Weiterführende Lektüre: Wire-Fu: Die Kunst fliegender Schwertkämpfer im Actionkino.
Die Qualität der Filme war unterschiedlich. Viele Shaw Brothers Filme waren formelhaft und leicht zu vergessen. Aber das enorme Produktionsvolumen ermöglichte Experimente. Regisseure wie King Hu (胡金铨), Chang Cheh (张彻) und Lau Kar-leung nutzten das Studiensystem, um Martial-Arts-Filme zu einer anspruchsvollen Kunstform zu entwickeln.
King Hu: Der Poet
King Hu (胡金铨) inszenierte Come Drink with Me (1966) und A Touch of Zen (1971). Seine Filme zeichnen sich durch elegante Bildkomposition, sorgfältiges Tempo und eine Kampfchoreografie aus, die Schönheit über Brutalität stellt.
A Touch of Zen gewann 1975 den technischen Grand Prix in Cannes — der erste chinesischsprachige Film, der einen großen Preis auf einem westlichen Filmfestival erhielt. Die Bambuswald-Kampfszene in diesem Film inspirierte direkt die Bambuswald-Szene in Tiger und Drachen (Crouching Tiger, Hidden Dragon) fünfundzwanzig Jahre später.
King Hu betrachtete Martial-Arts-Filme als Kunstkino. Seine Kampfszenen sind Ballettstücke. Seine Landschaften sind Gemälde. Seine Erzählungen Meditationen über buddhistische Philosophie, verkleidet als Actionfilme.
Chang Cheh: Der Schlachter
Chang Cheh (张彻) war das Gegenstück zu King Hu. Wo Hu elegant war, war Chang intensiv und roh. Seine Filme sind gewalttätig, maskulin und emotional heftig. Helden sterben blutig. Loyalität wird durch Leid geprüft. Der Körper ist sowohl Machtquelle als auch Ort der Zerstörung.
Chang Chehs Einfluss auf spätere Filmemacher – besonders John Woo – ist enorm. Das „Heroic Bloodshed“-Genre, das Woo in den 1980er Jahren perfektionierte, ist im Grunde Chang Chehs Martial-Arts-Ethos in einem modernen Kriminalsetting transplantiert.
Bruce Lee: Die Explosion
Bruce Lee drehte nur vier komplette Filme. Er starb mit 32 Jahren. Und doch veränderte er das globale Kino mehr als Regisseure, die jahrzehntelang arbeiteten.
Bruce Lees Beitrag war nicht nur physisch – obwohl seine Körperfähigkeiten außergewöhnlich waren. Sein Beitrag war ideologisch. Er bestand darauf, chinesische Kampfkünstler als Helden und nicht als Schurken oder Nebenfiguren darzustellen. Er weigerte sich, Klischees zu bedienen. Und er bewies, dass ein chinesischer Mann ein globaler Actionstar sein kann.
Die Wirkung war unmittelbar und dauerhaft. Nach Bruce Lee wurde Martial-Arts-Kino eine globale Filmsprache. Jeder Actionfilm seit 1973 verdankt ihm etwas.
Das Erbe
Das Hongkonger Martial-Arts-Kino schuf ein visuelles Vokabular, das heute weltweit verwendet wird. Drahtarbeit, Zeitlupen, die dramatische Pause vor dem Kampf, der Trainingsmontage, der finale Showdown – all das sind Hongkonger Innovationen, die Hollywood übernommen hat und die Zuschauer weltweit inzwischen als selbstverständlich ansehen.
Die Fabrik ist heutzutage größtenteils geschlossen. Die Filmindustrie Hongkongs ist seit der Übergabe 1997 zurückgegangen. Aber die Sprache, die sie schuf, wird überall gesprochen.