In der Welt des Wuxia kann man dreißig Jahre trainieren, um eine Schwerttechnik zu meistern, oder man kann etwas in den Tee einer Person schütten und den Kampf beenden, bevor er beginnt. Die Giftkünste (用毒术 yòngdú shù) nehmen einen merkwürdigen moralischen Raum in der Fiktion der Kampfkunst ein – gefürchtet, verachtet und heimlich respektiert.
Die Tradition der Fünf Gifte
Die Fünf Gifte (五毒 wǔdú) sind schon lange bevor sie in Romanen auftauchten, ein fester Bestandteil der chinesischen Folklore. Die traditionellen fünf giftigen Kreaturen – Schlange (蛇 shé), Skorpion (蝎 xiē), Tausendfüßler (蜈蚣 wúgōng), Kröte (蟾蜍 chánchú) und Gecko oder Spinne (壁虎/蜘蛛 bìhǔ/zhīzhū) – treten in der Volksmedizin, in Festbräuchen und in Schutzamuletten auf, die über tausend Jahre alt sind.
Während des Drachenbootfestes (端午节 Duānwǔ Jié), das am fünften Tag des fünften Mondmonats gefeiert wird, hingen chinesische Haushalte traditionell Bilder der fünf Gifte auf oder trugen bestickte Beutel mit Kräutern, die dazu bestimmt waren, diese abzuwehren. Die Logik dahinter war sympathische Magie: die Gifte ausstellen, um sie abzuwenden.
Die Wuxia-Fiktion nahm diese Volkstradition und baute eine gesamte Disziplin der Kampfkunst daraus. Die Fünf-Gifte-Sekte (五毒教 Wǔdú Jiào) tritt in mehreren Romanen auf, am bekanntesten in Jin Yong’s Die Rückkehr der Adlerkrieger und Gu Longs (古龙 Gǔ Lóng) verschiedenen Werken. Die Mitglieder spezialisieren sich auf die Zucht giftiger Kreaturen, das Extrahieren und Verfeinern von Toxinen sowie die Entwicklung von Immunität durch kontrolliertes Selbstvergiften.
Der Tang-Clan: Gift als Ingenieurskunst
Wenn die Fünf-Gifte-Sekte die biologische Seite der Giftkünste repräsentiert, steht der Tang-Clan (唐门 Tángmén) für die mechanische Seite. Der in Sichuan (四川 Sìchuān) ansässige Tang-Clan, der bekannt ist für sowohl sein scharfes Essen als auch sein schwieriges Terrain, kombiniert geheime Waffen (暗器 ànqì) mit Systemen zur Giftabgabe.
Ihr Arsenal umfasst:
- Giftige Nadeln (毒针 dúzhēn) – haarfeine Nadeln, die mit Toxinen beschichtet sind und aus federbelasteten Handmechanismen abgefeuert werden - Giftpfeile (毒镖 dúbiāo) – geworfene Projektile mit hohlen Spitzen, die flüssiges Gift enthalten - Giftrauchbomben (毒烟弹 dúyān dàn) – keramische Behälter, die beim Aufprall giftiges Gas freisetzen - Vergiftete Hindernisse (毒蒺藜 dú jílí) – die auf dem Boden verteilt werden, um Verfolger zu verletzenDer Ruf des Tang-Clans in der Fiktion ist der einer Familie, mit der man sich besser nicht anlegt. Sie sind nicht die stärksten Kämpfer im direkten Kampf, doch ihre Kombination aus Ingenieurskunst und toxikologischem Wissen macht sie in jeder Situation tödlich, in der sie Zeit zur Vorbereitung hatten.
Was den Tang-Clan aus erzählerischer Perspektive interessant macht, ist, dass sie nicht böse sind. Sie sind eine Familie, die ihr Erbe und ihr Territorium schützt. Die Giftkünste sind ihr Erbe, das über Generationen weitergegeben wird, und sie sind stolz auf ihr Handwerk. Es ist eine moralisch graue Darstellung, die das einfache Schubladendenken des Bösewichts vermeidet.
Gu-Gift: Die dunkelste Kunst
Die gefürchtetste Gifttechnik der chinesischen Folklore stammt überhaupt nicht aus der Wuxia-Fiktion – es ist gu (蛊 gǔ), eine Form giftiger Magie mit Wurzeln in der südwienerischen Volksreligion.