Berg- und Wasserpoesie (山水诗 shānshuǐ shī): Wenn Landschaft zur Literatur wird

Der chinesische Begriff für Landschaft ist shanshui (山水 shānshuǐ) – wörtlich „Berg-Wasser“. Nicht „Landschaft“, „Natur“ oder „Draußen“. Berg und Wasser. Die Kombination ist entscheidend. Berge sind vertikal, still, fest – yang (阳 yáng). Wasser ist horizontal, fließend, nachgiebig – yin (阴 yīn). Zusammen bilden sie eine vollständige Welt, und chinesische Dichter verbrachten fünfzehn Jahrhunderte damit, über diese Welt zu schreiben, als hinge ihr spirituelles Leben davon ab.

Denn in einem wirklichen Sinn war das auch so.

Xie Lingyun: Der Erfinder

Shanshui-Poesie (山水诗 shānshuǐ shī) als eigenständiges Genre beginnt mit Xie Lingyun (谢灵运 Xiè Língyùn, 385–433 n. Chr.). Er war ein wohlhabender Aristokrat aus der Zeit der Südlichen Dynastien, geriet politisch in Schwierigkeiten, wurde degradiert und reagierte darauf, indem er obsessiv durch die Berge im Südosten Chinas wanderte.

Xie Lingyun beschrieb nicht nur, was er sah. Er schilderte das körperliche Erlebnis, sich durch die Landschaft zu bewegen – klettern, schwitzen, rasten, schauen. Seine Gedichte verfolgen die Reise des Körpers durch den Raum auf eine Weise, die frühere Naturdichtung nie versucht hatte:

> 白云抱幽石,绿筱媚清涟。 > Weiße Wolken umarmen einsame Felsen. Grüner Bambus verzaubert die klaren Wellen. > (Bái yún bào yōu shí, lǜ xiǎo mèi qīng lián.)

Hier sind es die Verben, die wirken. Wolken „umarmen“ (抱 bào). Bambus „verzaubert“ (媚 mèi). Natur ist keine passive Kulisse – sie ist aktiv, fast flirtend. Xie Lingyun sah Landschaft als lebendig, ansprechbar, im Kontakt mit dem Betrachter.

Außerdem erfand er Wanderstiefel. Ernsthaft. Er entwarf einen Schuh mit abnehmbaren „Zähnen“ an der Sohle – Zähne vorne für das Bergaufgehen, Zähne hinten für das Bergabsteigen. Sie wurden „Xie-Lingyun-Holzschuhe“ (谢公屐 Xiè Gōng Jī) genannt und waren so berühmt, dass Li Bai sie 300 Jahre später erwähnte.

Tao Yuanming: Der Bauern-Dichter

Tao Yuanming (陶渊明 Táo Yuānmíng, 365–427 n. Chr.) wird oft mit den shanshui-Dichtern gruppiert, ist aber eigentlich etwas anderes. Er schrieb nicht über Berge und Flüsse als Besucher. Er schrieb über sie als Bewohner – ein Mann, der seinen Regierungsjob aufgab und nach Hause zum Bauern zurückkehrte.

Sein bekanntestes Gedicht „Weintrinken Nr. 5“ (饮酒其五 Yǐn Jiǔ Qí Wǔ) enthält das meistzitierte Naturzweizeiler der chinesischen Literatur:

> 采菊东篱下,悠然见南山。 > Chrysanthemen am östlichen Zaun pflückend, sehe ich gelassen den Südberg. > (Cǎi jú dōng lí xià, yōurán jiàn nán shān.)

Das Schlüsselwort ist „gelassen“ (悠然 yōurán). Tao Yuanming sucht den Berg nicht. Er besteigt ihn nicht, analysiert ihn nicht. Er schaut einfach von seiner Gartenarbeit auf – und da ist er. Der Berg erscheint, weil er ihn nicht sehen will. Das ist eine daoistische Idee – wu wei (无为 wúwéi), mühelose Handlung – ausgedrückt durch das einfachste Bild.

Tao Yuanmings Chrysanthemen (菊 jú) wurden dauerhaft mit Rückzug und Integrität verbunden. Für die nächsten 1500 Jahre beschwor jeder Dichter, der Chrysanthemen erwähnte, Tao Yuanming und alles, wofür er stand: die Wahl von Armut und Freiheit statt Reichtum und Dienstbarkeit.

Wang Wei: Der Buddha der Poesie

Wang Wei (王维 Wáng Wéi, 701–761 n. Chr.) nahm die shanshui-Poetik...

Über den Autor

Wuxia-Forscher \u2014 Forscher für chinesische Wuxia-Literatur und Kampfkunstkultur.

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