Daoismus (道教 Dàojiào) hat kein Glaubensbekenntnis. Es gibt keine Gebote. Was es hat, ist ein 5.000 Schriftzeichen umfassendes Buch, das damit beginnt zu sagen, dass die Wahrheit nicht in Worte gefasst werden kann – und dann trotzdem 5.000 Zeichen damit verbringt, es zu versuchen. Das Dao De Jing (道德经 Dào Dé Jīng), das Laotse (老子 Lǎozǐ) zugeschrieben wird, ist der paradoxeste religiöse Text, der je geschrieben wurde, und es hat einige der paradoxesten Gedichte aller Sprachen hervorgebracht.
Daoistische Dichtung beschreibt die Natur nicht. Sie löst sich in ihr auf – verliert die Grenze zwischen Selbst und Landschaft, bis Dichter und Berg eins sind. Wenn es gelingt, fühlen sich die Gedichte weniger wie Schreiben und mehr wie Atmen an.
Zhuangzis Schmetterling
Die philosophische Grundlage stammt von Zhuangzi (庄子 Zhuāngzǐ), dem Denker des 4. Jahrhunderts v. Chr., dessen Parabeln zu den unterhaltsamsten der chinesischen Philosophie zählen. Sein Schmetterlingstraum ist der berühmteste:
> 昔者庄周梦为蝴蝶,栩栩然蝴蝶也。不知周也。俄然觉,则蘧蘧然周也。不知周之梦为蝴蝶与,蝴蝶之梦为周与? > Einst träumte Zhuang Zhou, er sei ein fröhlich flatternder Schmetterling. Er wusste nicht, dass er Zhou war. Plötzlich erwachte er – fest und unmissverständlich Zhou. Doch er wusste nicht: Träumte Zhou, er sei ein Schmetterling, oder träumte der Schmetterling, er sei Zhou?
Das ist nicht nur ein cleveres Gedankenexperiment. Es ist die Grundlage der daoistischen Ästhetik: Die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, Träumer und Traum, Dichter und Gedicht ist eine Illusion. Die beste daoistische Dichtung versucht, diese Grenze zu bewohnen – sowohl die Person zu sein, die den Berg betrachtet, als auch der Berg, der betrachtet wird.
Tao Yuanming: Ausstieg aus dem Hamsterrad
Tao Yuanming (陶渊明 Táo Yuānmíng, 365–427 n. Chr.) ist der Schutzheilige der daoistischen Dichtung, auch wenn er den Titel wohl ablehnen würde. Er war ein kleiner Regierungsbeamter, der 405 n. Chr. nach nur dreiundachtzig Tagen kündigte, weil er sich weigerte, sich vor einem Inspektor zu verbeugen. Er kehrte auf seine Farm zurück und ging nie wieder zurück.
Sein Gedicht „Rückkehr“ (归去来兮辞 Guī Qù Lái Xī Cí) ist der große Rücktrittsbrief der chinesischen Literatur:
> 归去来兮,田园将芜胡不归? > Komm, lass mich heimkehren! Meine Felder und der Garten verwildern – warum kehre ich nicht zurück? > (Guī qù lái xī, tiányuán jiāng wú hú bù guī?)
Das Gedicht beschreibt die Heimkehr – das Tor, den Weg, die Kiefern, den Wein, der auf dem Tisch wartet. Es ist häuslich und konkret. Tao Yuanming beschreibt keine mystische Verbindung mit dem Kosmos. Er beschreibt, wie er in seinem Garten sitzt, Wein trinkt und die Wolken beobachtet.
Seine berühmteste Zeile:
> 采菊东篱下,悠然见南山。 > Chrysanthemen pflückend am östlichen Zaun, sehe ich gelassen den südlichen Berg. > (Cǎi jú dōng lí xià, yōurán jiàn nán shān.)
Das Wort „sehen“ (见 jiàn) macht hier die ganze Arbeit. Er sucht den Berg nicht. Er strebt ihn nicht an. Er sieht ihn einfach – mühelos, ohne Absicht. Das ist wu wei (无为 wúwéi), das daoistische Prinzip des Nicht-Handelns, ausgedrückt in fünf Schriftzeichen. Man kann nicht versuchen, den Berg zu sehen. Man kann nur aufhören zu versuchen – und dann erscheint er.
Wang Wei: Buddhistisch-daoistische Verschmelzung
Wang Wei (王维 Wáng Wéi, 701–761 n. Chr.) war zwar offiziell Buddhist, doch seine Naturlyrik ist durchdrungen von Dao...