Die echten Orte hinter der Fiktion
Betritt man heute den Shaolin-Tempel (少林寺 Shàolín Sì), findet man Tourbusse, Souvenirläden und Kung-Fu-Vorführungen für touristen mit Kameras. Die Wudang-Berge (武当山 Wǔdāng Shān) verfügen über Seilbahnen und Hotels. Diese Orte sind echt, dort wird echte Kampfkunst gelehrt, und sie gleichen kaum ihren fiktiven Gegenstücken.
Diese Kluft – zwischen den tatsächlichen Kampfschulen Chinas und ihren übertriebenen Wuxia-Versionen – ist eine der interessantesten Aspekte des Genres. Jin Yong und Gu Long haben diese Schulen nicht aus der Luft gegriffen. Sie nahmen reale Orte mit realer Geschichte und realen Kampfsystemen und steigerten alles auf mythische Ausmaße.
Shaolin: Das Kloster, das Kämpfer hervorbringt
Der historische Shaolin-Tempel wurde 495 n. Chr. auf dem Song-Berg (嵩山 Sōng Shān) in der Provinz Henan gegründet. Seine Verbindung zur Kampfkunst reicht bis in die frühe Tang-Dynastie zurück, als – laut einer tatsächlich existierenden Stele – dreizehn Shaolin-Mönche 621 n. Chr. Li Shimin (dem späteren Kaiser Taizong) halfen, einen rivalisierenden Kriegsherrn zu besiegen. Der Kaiser belohnte den Tempel mit Land und Sonderrechten, eine Mönchsarmee auszubilden.
Das ist die historische Grundlage. Die Wuxia-Fiktion nahm diesen Kern und baute ein Reich daraus.
In Jin Yongs Romanen ist Shaolin die oberste orthodoxe Sekte (名门正派 míngmén zhèngpài) – das „Vatikan“ der Kampfsportwelt. Ihr Abt ist die respektierteste Persönlichkeit im Jianghu (江湖 jiānghú), der „Kampfwelt“. Ihre Bibliothek besitzt die mächtigsten Kampfsport-Handbücher überhaupt. Ihre 72 Einzigartigen Fähigkeiten (七十二绝技 qīshí'èr juéjì) repräsentieren den Höhepunkt der äußeren Kampfkunst (外功 wàigōng).
Doch was interessant ist: Die echte Shaolin-Kampfkunst ist ein legitimes Kampfsystem, das seit mindestens der Ming-Dynastie dokumentiert ist. General Qi Jiguang (戚继光), der in den 1560er Jahren eines der wichtigsten Militärhandbücher Chinas schrieb, lobte ausdrücklich die Shaolin-Stocktechniken. Das Kloster entwickelte tatsächlich ein umfassendes Kampfsportcurriculum – nur ohne die Fähigkeit zu fliegen oder Energiebalken aus den Handflächen zu schießen.
Die echte Shaolin-Tradition betont 禅武合一 (chán wǔ hé yī) – „die Einheit von Chan-Buddhismus und Kampfkunst“. Das Training ist körperlich, aber auch meditativ. Mönche üben Formen nicht nur zur Kampfeffektivität, sondern als bewegte Meditation. Diese philosophische Grundlage unterscheidet das Shaolin-Boxen vom gewöhnlichen militärischen Kampf.
Wudang: Die taoistische Alternative
Wenn Shaolin die buddhistische Kampfkunst repräsentiert, steht Wudang für die taoistische (道家 Dàojiā) Tradition. Die Wudang-Berge in der Provinz Hubei sind seit mindestens der Tang-Dynastie ein Zentrum taoistischer Praxis, aber ihre Verbindung zur Kampfkunst wird hauptsächlich der halbmythologischen Figur Zhang Sanfeng (张三丰 Zhāng Sānfēng) zugeschrieben.
Existierte Zhang Sanfeng wirklich? Wahrscheinlich. Historische Aufzeichnungen aus der Ming-Dynastie erwähnen einen Taoisten namens Zhang Sanfeng, der auf dem Wudang-Berg lebte. Erfand er Tai Chi (太极拳 tàijíquán)...